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Der Alltag eines Hundertjährigen und der schönste Beruf der Welt

27. Dezember 2022 von M. Meyer0
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von Ergotherapeutin Sabrina Stange

Erzählt man Freunden und Bekannten, was in einer Ergotherapiestunde mit einem Klienten alles möglich ist, kommen die Meisten ins Staunen. Viele Menschen haben die klassische Vorstellung folgender Behandlung im Kopf: der Klient sitzt auf einem Stuhl oder liegt auf einer Liege und erhält Anweisungen („Bilden sie eine Faust! Strecken Sie den Arm“ u.s.w.). Dies ist selbstverständlich sinnvoll und zielführend, hinsichtlich einer Verbesserung der Ausführung von Betätigungen, welche der Klient gern wieder ausführen möchte und derzeit noch nicht kann. Doch nicht immer ist eine Rehabilitation möglich.
Deswegen ist Ergotherapie noch viel mehr! Auch die gesamte Umwelt und somit Faktoren, welche eine Einschränkung von Betätigung zur Folge haben, werden beleuchtet.

Folgendes Beispiel möchte ich nun erläutern:

Mein Klient Herr F. musste schweren Herzens aus seiner Neubauwohnung in ein Altenpflegeheim in Dresden umziehen. Er hat das stattliche Alter von 100 Jahren erreicht. Im Pflegeheim erhält er nun eine umfassende Unterstützung im Bereich der Selbstversorgung (z.B. das Essen wird zubereitet, Hilfe beim Waschen etc.). Leider hat der Klient keine Angehörigen, sodass er kaum Besuch erhält oder Ausflüge unternehmen kann. Dies ist dem Klienten aber sehr wichtig. Jahrelang setzte er sich in die Straßenbahn und fuhr in die Stadt. Plötzlich besteht sein Alltag nur noch aus einer Etage, was sich äußerst negativ auf seine Stimmung, sowie seinen inneren Antrieb und seine Motivation auswirkt. Selbst ein einfacher Supermarktbesuch ist dem Klienten aufgrund fehlender Kraft, kaum noch körperlicher Belastbarkeit und Beweglichkeit nicht mehr möglich. Also ist er auf Unterstützung im Bereich Mobilität angewiesen. Ich schlug ihm vor, innerhalb der Ergotherapie den Supermarkt zu besuchen. Plötzlich leuchteten seine Augen. War es sonst eher schwierig, Herrn F. zu überreden, überhaupt aus dem Bett aufzustehen, saß er nun fertig angezogen in seinem Rollstuhl mit Einkaufzettel und Einkaufsbeutel in der Hand. Es ging los. Herr F. genoss sichtlich diesen (für uns) alltäglichen Ausflug, das selbstbestimmte Auswählen eines Produktes, sowie die Geselligkeit, auch einmal andere Personen durch den Ausflug zu sehen. Das selbstständige Bezahlen, sowie das Ein- und Auspacken der Ware führte er ohne meine Hilfe durch. Nun hatte er endlich wieder das Gefühl von „Normalität“.

Mittlerweile äußerte Herr F. den Wunsch, einmal wieder mit der Straßenbahn zu fahren. So wie früher, zum Dresdner Hauptbahnhof oder zum Bäcker, um am Nachmittag ein Stück Kuchen für seine Zimmernachbarn im Heim ausgeben zu können. Das wird nun unser nächstes alltagsbezogenes Projekt.

Die Lebensqualität von Herrn F. hat sich durch meine Tätigkeit ein Stück weit verbessert. Und das macht  nicht nur meinen hundertjährigen Klienten zufrieden, sondern auch mich!


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